Die vermutlich erste Wasserleitung in Habitzheim

Hier ist die Leitung im Bachbett zu sehen

(lng) Im Jahr 1859, als der Sommer gerade so heiß und trocken war, wie der des Jahres 2018, hatten die Bewohner von Habitzheim mit Wassermangel zu tun. Allen voran das Hofgut, dessen Brunnen nicht mehr genügend Wasser für die Haushaltung, die Viehhaltung und, wie in einem der ersten Briefe zu dem Thema vom Pächter an die Verwaltung der Güter von Löwenstein geschrieben steht, zum Bierbrauen. Habitzheims Heimatforscher Heinrich Eichhorn, der aus aktuellem Anlass das Thema „Wasser“ interessant fand, begann vor fast drei Jahren mit Georg Richtscheid 70 handschriftlich verfasste, historische Briefe, unterstützt von Traudi Pfuhl, die die schriftliche Arbeit übernahm, durchzulesen und in eine moderne Textform zu übertragen. Beabsichtigt ist, laut Eichhorn, eventuell eine neue Broschüre über den Wasserleitungsbau für die Serie „Habitzheimer Geschichte(n)“ herauszugeben.

Bild der Baustelle

Bei seinen umfangreichen Recherchen haben er und seine Mitarbeiter erfahren, dass Gespräche mit dem Hofgut-Pächter Heil und dem damaligen Bürgermeister Schröder kein zufriedenstellendes Ergebnis ergaben, da die öffentlichen Brunnen im Ort ebenso wenig Wasser hatten.

Dem Vorschlag von Pächter Heil, Wasser über längere Zeit aus den Gemeindebrunnen zu entnehmen, konnte nicht entsprochen werden. Also versuchte man die Brunnen auf dem Hofgut zu reparieren und tiefer zu graben. Leider ohne Erfolg, so Eichhorn, da auch die Wasserqualität darunter gelitten hat.

Baustelle der Heuweg Brücke aus dem Jahr 2013

Daher wurden Quellen in der Gemarkung gesucht, um von dort das kostbare Nass in den Hof zu leiten und die Brunnen zu versorgen. Am naheliegendsten war die Quelle auf der „Mazetwiese“ in der Nähe des heutigen Habitzheimer Wasserwerkes. Die Qualität des Wassers war nach Aussage eines Sachverständigen sehr gut und würde sich hervorragend für die Zwecke im Hofgut eignen. Leider gab es das Problem, wie man das Wasser aus dem „Mazetbrünnchen“ (ältere Habitzheimer kennen das Rohr, das aus einem kleinen Erdhügel auf der Wiese kam) in die Brunnen auf dem Hof bekommt. „Alle Vorschläge hierzu ergaben auch keine brauchbare Lösung“, hat Heimatforscher Eichhorn im Laufe seiner Recherchen festgestellt. Er berichtet, dass man sich weiter auf die Suche machte, um das Wasserproblem zu lösen. Doch im Habitzheimer Gemeindegebiet wurde man leider nicht fündig.

Holzröhre der Wasserleitung, hier sieht man genau wo die Muffe eingeschlagen war

So kam man auf zwei Quellen auf der so genannten „Eckwiese“ in der Lengfelder Gemarkung; die Besitzer – ein Herr Saal und ein Herr Wolf aus Lengfeld. Nun war die Frage, wie kommt man in den Besitz der beiden Quellen oder reicht gar eine aus, um genügend Wasser in den Ort, auf welche Weise auch immer, zu bekommen. Erste Verhandlungen ergaben, dass man die Quelle des Herrn Saal kaufen könnte. Die andere Quelle des Herrn Wolf, er war Jude, so die schriftliche Aussage in einem Schreiben, könnte man ja enteignen.

Nach vielen Briefen zwischen den betreffenden Personen und Ämtern einigte man sich, auch nach Überprüfen der Wassermenge und Qualität, beide Quellen zu übernehmen.

Eine komplette Röhre

Nun war laut Eichhorn das nächste Problem, wie das Wasser zu den Brunnen im Hofgut gelangt.

Zunächst musste man beide Quellen so herrichten, dass man das Wasser auffangen konnte, um es abzuleiten. Dann kam die Frage, wie und wo entlang sollte eine Leitung gelegt werden.

Für den Weg der Leitung entschied man sich, die Rohre im Bett der Hasselbach zu verlegen und den Zufluss zum Burggraben bis in das Hofgut zu nutzen.

Dann kam die Diskussion, mit welchem Material sollte die Leitung erstellt werden. Ein Angebot einer Darmstädter Firma, welche Gussrohre herstellte, war nicht zu bezahlen. Darum entschied man sich für Holzrohre, so genannte „Trichine“, mit Bäumen aus dem Wald von Löwenstein, anzufertigen. Dazu musste ein Schmied Muffen für die Übergänge der Röhren fertigen.

Fund von Holzrohren und schmiedeeiserner Muffe
Und nun kommt für Heinrich Eichhorn das, warum er sich für diese Sache interessierte. Denn im Zuge der Erneuerung der Brücke über den Heuweg in Habitzheim im Jahr 2013, fanden die Bauarbeiter Holzrohre und eine schmiedeeiserne Muffe. Als er, damals noch Ortsbeiratsmitglied, sich bei der Baustelle umsah, entdeckte er diese Teile. Zusammen mit dem Vorsitzenden des Dorf- und Kulturvereins, Dieter Lehmer, sicherte er die Teile und hinterlegte sie in der Remise des ehemaligen Totenwagens in der Frühlingsau.

Abschnitt einer Wasserleitungsröhre aus Holz von 1860 aufgenommen im Juli 2020

Nun war man am Rätseln, wie alt wohl diese Leitung ist, wo sie herkommt, wo sie hinführt und welches Holz da wohl benutzt wurde.

Fragen an alte Häzemer Bürger ergaben laut Eichhorn zwar Vermutungen, dass die Leitung in den Ort zu ehemaligen Brunnen führte, jedoch Genaues habe niemand mitteilen können. Auch Aussagen, dass man solche Röhren bereits vor Jahren in der „Eckwiese“ ausgebuddelt hat, halfen ihm nicht viel weiter.

Bis Heinrich Eichhorn bei der Online-Suche in dem Löwenstein’schen Archiv im Kloster Bronnbach einen Hinweis über einen Wasserleitungsbau in Habitzheim in den Jahren 1859/1860 fand. Ein Aktenbündel von über 70 Seiten, geschrieben in Deutscher Kurrentschrift. Diese Akte hat der Dorf- und Kulturverein gegen Bezahlung aus dem Archiv in Kopie erhalten. Danach ging es an das Übersetzen, das bis Januar 2020 kurz vor dem Abschluss stand. Leider kam dann die Corona- Pandemie, die alles etwas verzögerte, bedauert der rührige Habitzheimer Heimatforscher. Erst im August 2020 sei man dazu gekommen, den Schluss zu übersetzen.

Die gefundene schmiedeeiserne Muffe in dem Bericht auch „Büchse“ genannt. Hergestellt vom Habitzheimer Schmied, Peter Schmitt

Doch wie es mit der Wasserleitung zum Hofgut weiterging, hat er beim Studium der Unterlagen nachlesen können, dass die beiden Quellen, wie erwähnt, gefasst wurden. Im Wald von Löwenstein bei Schloß-Nauses erfolgte der Holzeinschlag. Ein Schmied fertigte die benötigten Muffen, Tagelöhner wurden rekrutiert, um die Leitung zu verlegen. Maurer, Steinhauer, Schlosser, Brunnenbauer und Pflasterer wurden gebraucht, um die Arbeiten auszuführen. Mit der Gemeinde wurde ein Vertrag abgeschlossen, dass die Straßen im Dorf wieder so hergerichtet werden, wie vor der Verlegung der Röhren. Man benötigte Steine, Holz für sogenannte Riffeldohlen (eine Art Drainage), Sand zum Auffüllen und vieles mehr. Eine Brunnenstube und eine Brunnenwehr waren zu errichten. Insgesamt wurden laut Nachforschungen Eichhorns und seines Teams 3190 Fuß Röhren verlegt, die man vorher erst anfertigen musste.

Muffe mit Holzrohrabschnitt, als Muster der Montage

Der Bauaufseher, Bausachverständiger Ebner aus Groß-Umstadt, hatte die ganzen Arbeiten geleitet und überwacht. Erst im November 1861 waren die Arbeiten beendet.

Beteiligt hieran waren die Fürstlich Löwenstein-Wertheim-Rosenbergische Domänen-Kanzlei, das Löwenstein’sche Rentamt Breuberg in Neustadt, der Hofpächter Heil und die Gemeinde Habitzheim. Außerdem das Kreisbauamt in Dieburg, der Bauaufseher Ebner, sowie Handwerker aus dem ganzen Umkreis und der eine oder andere Habitzheimer Bürger.

Mit Datum vom 16. März 1860 gibt es einen Voranschlag, aufgestellt von Bauaufseher Ebner. Das Schreiben ging an die Fürstlich Löwenstein‘sche Rentamt-Kasse nach Breuberg Neustadt. Für die Anfertigung einer Wasserleitung von der sogenannten „Eckwiese“, bis in den fürstlichen Hof in Habitzheim, waren folgende Arbeiten aufgelistet: Grundarbeiten, wie z. B. einen Graben für Riffeldohlen auszugraben, die Dohlen zu verlegen und den Graben wieder zu verfüllen (Kosten 10 Gulden und 48 Kreuzer, 5 Gulden davon erhielten Habitzheimer Tagelöhner). Ferner eine Verbindung von der Quelle zur Brunnenstube und weiter bis an das Ortspflaster einen Graben von 3190 Fuß im Flutgraben (der Hasselbach) auszuheben und nach Verlegen der Röhren wieder zu schließen (Kosten 86 Gulden und 7 Kreuzer). Einen Graben für die Röhren in dem Ortspflaster von der Brücke bis in den Hof mit Querverbindung in das Brennhaus von 76 Fuß aufzugraben, nachdem zuvor das Pflaster aufgebrochen und nach Verlegen der Röhren wieder zu planieren war (Kosten hierfür 20 Gulden und 31 Kreuzer). Das ergab eine Summe für die Grundarbeiten von 117 Gulden und 26 Kreuzer.

Für die Maurerarbeiten an der Brunnenstube wurden 8 Gulden veranschlagt und für das Verlegen von 150 Fuß Riffeldohlen 13 Gulden und 30 Kreuzer berechnet. Mauersteine wurden aus der alten Karlsaumauer entnommen (Kosten hierfür 6 Gulden). Die Steine wurden kostenlos von dem Hofpächter Heil zur „Eckwiese“ gebracht. Zusammen mit weiteren Maurerkosten ergab es eine Summe von 30 Gulden und 30 Kreuzer. Die Steinhauerarbeiten zum Erstellen der Brunnenstube betrugen 10 Gulden und 16 Kreuzer, dazu das Liefern von weiteren Steinen 9 Gulden und 30 Kreuzer.

Die Brunnenmacherarbeiten ergaben für sauber aufgebohrte Röhren einen Betrag von 131 Gulden und 40 Kreuzer. Das Beifahren des Holzes aus dem Wald von Schloß-Nauses hat der Hofpächter ebenfalls unentgeltlich übernommen.

Die Schmiedearbeit, das Anfertigen von 248 Büchsen (Muffen), ergab eine Summe von 74 Gulden und 24 Kreuzer.

Das Herstellen des neuen Pflasters mit Liefern von Sand summierte sich auf 65 Gulden. Für weitere kleinere Arbeiten kam noch eine Summe von 30 Gulden und 54 Kreuzer hinzu. Somit hatte sich für die Rentamt-Kasse einen weiteren Betrag von 18 Gulden und 60 Kreuzer ergeben.

Insgesamt kam die Wasserleitung laut Voranschlag auf eine Summe von 768,00 Gulden. Dabei nicht eingerechnet ist der Ankauf der Wiese von 390 Gulden, weil nicht bekannt war, ob ein Kauf stattfand oder ob diese Löwenstein kostenlos überlassen wurde. Eine Wasserleitung mit Eisenröhren und Ankauf der Brunnen hätte Kosten von 1.395 Gulden und 58 Kreuzer verursacht.

Abschließende Anmerkung von Heinrich Eichhorn:
Die Niederschrift ist eine Zusammenfassung von über 70 Schriftstücken. In ihr sind keine Details enthalten, der Text entstand nach sehr vielem Lesen, besonders beim Übersetzen der Briefe.

Jahre später gab es wieder Probleme mit dem Wasser. Zum einen wurde die Bahn von Darmstadt nach Erbach gebaut, was vermutlich eine der Quellen schadete. Zum anderen hat der Wasserverbrauch im Hofgut zugenommen, so dass man bereits 1872 wiederum das Problem des Wassermangels hatte. Daraufhin wurden weitere Leitungen verlegt. Diesmal von mehreren Brunnen in der Nähe des Hofgutes, auf der alten Flurkarte vom 19. Jahrhundert mit der Bezeichnung „Brunnenwiese“ ersichtlich. Auch darüber gibt es Unterlagen im Besitz des Dorf- und Kulturvereins aus dem Archiv in Bronnbach.

Heinrich Eichhorn, als Heimatforscher in Habitzheim bekannt, begann sich für die Geschichte der Wasserleitung in Habitzheim zu interessieren, als im Zuge der Erneuerung der Brücke über den Heuweg in Habitzheim im Jahr 2013 die Bauarbeiter Holzrohre und eine schmiedeeiserne Muffe fanden. Damals noch Ortsbeiratsmitglied hatte er sich an der Baustelle umgesehen und entdeckte diese Teile. Zusammen mit dem Vorsitzenden des Häzemer Dorf- und Kulturvereins, Dieter Lehmer, sicherte er die Fundstücke. Diese Wasserleitungsmuffe aus dem Jahr 1859, historisch eine so genannte „Büchse“, präsentiert Eichhorn auf unserem Bild. Sie diente als Verbindung der Holzrohre, damals „Trichinen“ genannt. Diese schmiedeeiserne Muffe, hergestellt vom Habitzheimer Schmied Peter Schmitt, wurde in das Holzrohr geschlagen, hat Eichhorn bei seinen Nachforschungen, unterstützt von Georg Richtscheid und Traudi Pfuhl, erfahren. ( lng)

Anmerkung:
Nach seinem Bericht über den Fund der alten Habitzheimer Holzröhrenwasserleitung erhielt Habitzheims Ortshistoriker Heinrich Eichhorn viele Nachfragen, wie eigentlich eine solche Leitung angefertigt wurde. Er, selbst neugierig geworden, begann mit dem Studium historischer Unterlagen und erfuhr, dass damals ein Lerchenstamm mit einem Handbohrer der Länge nach durchgebohrt wurde, was eine sehr mühselige Arbeit war. Das Bild hierüber stellte freundlicherweise Michael Burkhard vom Arbeitskreis „Heimat und Geschichte“ Königsberg im Haßgau in Bayern zur Verfügung. (lng)

© Michael Burkhard vom Arbeitskreis „Heimat und Geschichte“ Königsberg im Haßgau in Bayern